Kopf-Aufnäher

Durchschnitt

Ich seh gut aus, ich habe Charme,
ich bin der Kleine-Mädchen-Schwarm.
Ich muss nur Grübchen zeigen und schon flippen alle aus.

In meiner Band, das ist ganz klar,
bin ich der unbestritt’ne Star.
Die Mädels seufzen, kreischen, schrei’n und toben beim Applaus.

Wenn ihr glaubt, das wäre toll
Sag ich euch mal, was ich eigentlich nicht soll:

Ich wär’ so gern etwas normaler,
ein durchschnittlicher Typ,
nicht ganz so hip und angesagt.
Ich wär’ den Frauen viel egaler;
statt dessen sehen die
in mir ein Objekt freier Jagd.
Die Jüng’ren sind noch radikaler:
In deren Fantasien
bin ich ein wahrer Superheld;
doch keine fragt mich, ob mir das gefällt.

Die Fans fahr’n überall hin mit,
verfolgen mich auf Schritt und Tritt.
Ich kann noch nicht mal morgens unbehelligt laufen geh’n.

Die Paparazzi werden wild,
die woll’n mich für das Titelbild.
Ich werde Kult, bin schon ein echtes Medien-Phänomen.

Doch ich scheiß auf all den Ruhm,
denn ich hätt’ damit am liebsten nichts zu tun.

Ich wär’ so gern etwas normaler,
ein durchschnittlicher Typ,
nicht ganz so hip und fotogen,
dann wäre alles viel banaler;
zum Beispiel könnt’ ich mir
im Kino mal `n Film anseh’n.
Ich wär’ um einiges sozialer
und hätte mehr Kontakt
zu Freunden, die mich gut versteh’n.
Mein Leben wäre leicht und angenehm.

Ständig werde ich fotografiert,
von wildfremden Teenies attackiert.
Viele ält’re Damen spekulier’n
mich zu adoptier’n.

In den Zeitungen und Illustriert-
en wird mein ganzes Leben kommentiert.
Ich fang langsam an, mich zu verlier’n.

Ich wär’ so gern etwas normaler,
ein durchschnittlicher Typ,
nicht ganz so hip, nicht ganz so cool.
Dann wär’ mein Leben idealer;
es würde keinen stör’n,
wenn ich mal in der Nase pul’.
Ein and’rer könnte seine Notdurft
verrichten an `nem Baum,
kein Mensch hätt’ damit ein Problem;
doch ich kann nicht mal Brötchen holen geh’n.

Mich halten alle für `ne Diva
wenn ich so was erzähl’,
dabei kann ich doch nichts dafür.
Ich schlucke Antidepressiva,
doch wie ich mich auch quäl:
es hilft nichts gegen dies Geschwür.
Ich bin halt einfach attraktiver
und wirke auf die Frau’n,
ganz ohne Plan, ohne Kalkül;
und keine int’ressiert’s, wie ich mich fühl.
           
Für alle bin ich nur der Superheld,
doch keiner fragt mich, ob mir das gefällt.

 

 

zu hören auf „maybebop – Superheld live“
© Oliver Gies